Der Fall des Ikarus - Antonio Brown und das Problem der NFL

20.09.2019, 11:56 Uhr B.W. Kolumne

In der griechischen Mythologie gibt es die vielbekannte Figur des Ikarus. Dessen Vater, der Architekt und Baumeister Dädalus, baut sich und seinem Sohn Flügel aus Federn und Wachs, um aus dem Labyrinth des Minotaurus zu entkommen. Vorher schärft er Ikarus aber noch ein, nicht zu nah an die Sonne zu fliegen, da sonst das Wachs schmilzt und Ikarus abstürzen würde. Es kommt wie es kommen muss, Ikarus ignoriert die Warnungen seines Vaters, fliegt zu nah an die Sonne und stürzt ins Meer. Die Sage soll davor warnen, zu hoch hinaus zu wollen, da man sonst sehr tief fallen kann. Vermutlich haben die meisten schon begriffen, was diese Sage in einer Kolumne über die NFL und Antonio Brown zu suchen hat.

Der tiefe Fall eines Megastars der Liga weist erstaunliche Parallelen zu Ikarus auf: Brown, übertalentiert und mit einer Arbeitsmoral ausgestattet, die selbst den größten Workaholic erblassen ließe, wurden über Jahre von seinem Umfeld wächserne Flügel gebaut, mit denen er immer höher hinaus flog. Viermaliger First Team Allstar, siebenmaliger Pro Bowler, 75 Receiving Touchdowns, Madden Cover, zweimal Receiving Leader der NFL, zweimal Receptions Leader der NFL, und das alles mit gerade einmal 31 Jahren und als Sechstrundenpick im 2010er Draft. Die Sonne, die Brown letztendlich zu Fall brachte, scheint schon seit Jahrzehnten hell in der NFL und wird vermutlich auch nicht so schnell untergehen: Talent macht Verhalten (fast immer) nebensächlich. Terrell Owens, Randy Moss, Tyreek Hill, Adrian Peterson, Josh Gordon und und und. Die Liste an talentierten Spielern mit Problemen im persönlichen Leben und Verhaltensauffälligkeiten ist lang und wird jedes Jahr länger. Wir konzentrieren uns in diesem Artikel allerdings nur auf Antonio Brown.

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Dessen Leben begann alles andere als megastarverdächtig. Geboren und aufgewachsen in Miami-Dade County als Sohn eines Arena Football-Stars, Eddie Brown, der sich allerdings nicht um seinen Sohn kümmerte, musste Brown scheinbar schon früh die harte Seite des Lebens kennenlernen. Angeblich schmiss ihn sein Stiefvater raus als Brown ein Teenager war und er musste bei Mannschaftskameraden in der High School auf dem Sofa schlafen. Auf der Central Michigan Universität hatte Brown zu Beginn zwei Einkaufstüten mit Kleidung. Das war sein ganzer Besitz. Brown hat also eine ganze Menge durchgemacht. Auch sein Start in der NFL war alles andere als rosig. Nur in der sechsten Runde von den Steelers gepickt, musste er sich seinen Platz im Roster zunächst als Punt Returner verdienen, bevor er als Wide Receiver eingesetzt wurde. Dann ging sein Weg aber steil nach oben. In seiner zweiten Saison kam er bereits auf über 1.000 Yards und seither erreichte er immer mindestens 700; 2019 mal ausgenommen. Brown wurde schnell zum Star, es folgten Werbeverträge, Sponsorendeals und dergleichen.

Eine völlig neue Situation für den Jungen, der sich seinen Weg hart erarbeitet hatte. Auf einmal war er der Star. Der, von dem alle etwas wollten. Der, zu dem keiner mehr „Nein“ sagte. Der, an dessen Hals sich Frauen scharenweise warfen und der ein gern gesehener Gast auf Parties war. Der Flug des Ikarus hatte begonnen.

So geht es vielen NFL-Spielern, die aus schwierigen Kindheiten ihr Heil im Sport und im Football suchen. Die NFL lebt davon, dass es arme Kinder gibt, deren einziger Ausweg der Sport ist. Ohne sie gäbe es vermutlich jedes Jahr ein echtes Talent-Problem im Draft, denn eigentlich ist Football auf den ersten Blick eher ein abschreckender Sport, zumindest als Hobby. Die Kopfverletzungen, das daraus folgende CTE, ständig irgendwelche Knochenbrüche, Bänderrisse und Kapselverletzungen, von den Knien ganz zu schweigen. Dazu schaffen es gerade mal 1% der College Spieler in die NFL, von denjenigen, die damit wirklich finanzielle Sicherheit für sich und ihre Familien schaffen mal ganz zu schweigen.

Diejenigen, die es allerdings schaffen, betreten eine ihnen völlig unbekannte Welt: Jeder Wunsch wird ihnen von den Augen abgelesen, schöne Frauen machen ihnen ebenso schöne Augen, Agenten prügeln sich fast schon darum, ihnen alles zu besorgen was sie brauchen, Juweliere und Modedesigner reißen sich quasi darum, den Spielern die neuesten Stücke zeigen und anbieten zu dürfen und diese können sich all dies auf einmal leisten. Das Wort „Nein“ kommt im Vokabular auf einmal nur noch dann vor, wenn man gefragt wird, ob man sich das jemals hätte träumen lassen. Und da sind wir auch schon beim ersten Problem. Das Ganze kann einem ordentlich zu Kopf steigen. Das heißt nicht, dass es jedem Spieler so geht, nur dass es schwer ist, sich nicht irgendwann einzubilden, man könne zur Sonne fliegen.

Denn die Football-Welt und die Teams der NFL, besonders seit dem Aufstieg von Fantasy Football, interessieren sich zuallererst mal für Leistung. Antonio Brown ist dafür ein Paradebeispiel, seine Eskapaden bei den Steelers gehen Jahre zurück, sein Instagram-Video aus der Kabine des Teams, sein blond-gefärbter Schnauzer, mehrere häusliche Dispute mit seiner Ex-Freundin Chelsie Kyriss und Beschwerden von ehemaligen Geschäftspartnern und Angestellten Browns sprechen eine deutliche Sprache. Doch Brown brachte immer seine Leistung. Seit 2013 kam er in jedem Jahr immer mindestens auf 1200 Yards und neun Touchdowns. Derartige Leistungen bringen viel Nachsicht in der NFL mit sich und sorgen für jede Menge „zweite“ Chancen. Solange das Team und der Spieler dichthalten können und auch die Ankläger oder Geprellten sich nicht trauen an die Öffentlichkeit zu gehen, meist aus Angst, dass ihnen Fans entweder nicht glauben oder sie sogar beschimpfen, weil sie „ihr“ Team und „ihren“ Superstar beschmutzen, solange geht der Flug des Ikarus ungestört höher und höher.

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Man kann verstehen, dass sich die Spieler irgendwann für Halbgötter halten, denen jede Tür offen steht und für die die normalen Regeln nicht mehr gelten. Man kann verstehen, dass solche Menschen manchmal meinen, sich alles und jeden nehmen zu dürfen, wann auch immer sie möchten. Wirkliche Konsequenzen gibt es eigentlich nur in wenigen Fällen: Der Spieler ist schon nicht mehr ganz auf dem hohen Niveau, auf dem er mal war, es gibt ein Video (Ray Rice), Mord (Aaron Hernandez), der Spieler ist eh kein Star und nur der zwanzigst- oder dreißigstbeste Spieler des Rosters oder aber die Zahl der Skandale und „Ausrutscher“ nimmt ein derartiges Ausmaß an, dass sie niemand mehr ignorieren kann (Antonio Brown). Ein Video alleine reicht nicht, wenn der Spieler um den es geht, noch auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit ist (Kareem Hunt).

Tyreek Hill ist hier nochmal ein Sonderfall, denn trotz Audio, wie er seine Freundin bedroht und trotz erdrückender Beweislage, dass er sie mindestens als sie schwanger war misshandelt hat (in den Bauch geschlagen und auf den Boden geworfen), wurde sein Vertrag von den Chiefs sogar verlängert. Wir könnten sogar eine Wette eingehen, dass man sich in Kansas City insgeheim die Hände rieb, da man Hill aufgrund des Skandals um seinen Sohn, bei dem Hill beschuldigt wurde ihm den Arm gebrochen zu haben, zu einem deutlich niedrigeren Gehalt verlängern konnte. Über Hill, der sich im ersten Spiel der Saison verletzte, spricht heute schon kein Mensch mehr und wenn er zurückkommt, wird vermutlich wieder jeder Touchdown bejubelt wie vorher.

Wir, die Fans und die Reporter, die 24/7 über die NFL berichten und aus jeglicher kleinen Nachricht Breaking News machen, die Agenten und die Entourages der Spieler, die immer „Ja und Amen“ sagen um die Geldquelle am Laufen zu halten, wir tragen eine Mitschuld daran. Wir sind der Dädalus, der Ikarus die Flügel baut. Allerdings ohne die Warnung, nicht zu nahe an die Sonne zu fliegen. Eher im Gegenteil, wir haben Ikarus eher noch einen Raketenantrieb gebaut und gute Reise gewünscht.

Im Falle von Antonio Brown sind die Flügel inzwischen definitiv geschmolzen und der freie Fall vom Himmel hat begonnen. Wir sind mal gespannt, ob es einen Sturz ins Meer geben wird, oder ob es einen Dädalus geben wird, der Ikarus auffängt um ihm eine „zweite Chance“ zu geben, wenn er sie denn noch will.