Minkah - The Missing Piece?

16.11.2019, 03:09 Uhr J.J. Kolumne

Was haben wir alle diskutiert vor der Saison über die Pittsburgh Steelers. Eine starke Offense haben sie, aber kann die Defense halten? Und dann nocheinmal, als Ben Roethlisberger nach zwei Wochen verletzt für den Rest des Jahres ausfiel: Gewinnt Pittsburgh so überhaupt noch Spiele und sollten sie einen QB früh draften? Nun, die letzte dieser Fragen hatte sich sehr schnell erledigt als die Steelers ihren Pick in Runde 1 für Miamis DB Minkah Fitzpatrick tradeten. Für uns war das vor allem der Beweis dafür, dass die Dolphins einen kompletten Rebuild starten wollten, die Konsequenzen für den Rekord-Champ aus Pennsylvania waren weitaus weniger klar. Viele werden sich aber wohl am Kopf gekratzt haben ob dieser Entscheidung, schließlich erwartete man allgemein, dass die Steelers einen frühen Pick haben würden. Und so einer ist extrem wertvoll. Besonders, wenn man einen zum alten Eisen gehörenden Quarterback in seinen Reihen hat und die Draft-Klasse als exzellent auf der Position gilt. Dazu hatte Fitzpatrick, hochdekoriert von der Alabama Crimson Tide gekommen, bei den Dolphins viel Licht und Schatten gezeigt.

Jetzt, zwei Monate später muss man sagen: dieser Trade war für die Steelers und für Fitzpatrick ein sehr guter. Inzwischen ist die Defense der Steelers eine der besten der Liga, die Turnover ohne Ende sammelt und auch mal Touchdowns erzielt und so Spiele gewinnen kann. Mit zehn Spielern auf dem Platz, die in der ersten Runde gewählt wurden, mag das auf den ersten Blick gar nicht so überraschen. Wer aber die Steelers "D" in den letzten Jahren und auch zu Beginn dieser Saison verfolgt hat, wird ob dieser Entwicklung doch sehr überrascht sein. Minkah Fitzpatrick wirkt in dieser Defense wie genau der Spieler, der immer gefehlt hat und er selbst darf endlich seine natürliche Position bekleiden: Free Safety. Es wirkt fast so, als sei ein Problem behoben worden, das jeder gesehen hat, aber keiner so recht benennen konnte. Oder doch nicht?

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Das Rätsel

Um den Effekt zu verstehen, den Fitzpatrick auf die Defense der Steelers und auf das gesamte Team hatte, muss man zunächst verstehen, wie die Steelers Defense spielen. Der DC, Keith Butler, glaubt seit langer Zeit an das "Zone-Blitz-Scheme" aus einer 3-4 Formation. 3-4 bedeutet drei D-Linemen und 4 Linebacker in der Basis-Formation. Einer dieser D-Liner spielt dabei fast immer direkt über dem Center des Gegners, der Nose Tackle. Die anderen beiden Liner attackieren vor allem die Guards, haben da als Passrusher meist Vorteile. Der Druck über Außen kommt von OLB. Oft kommen beide OLB, es spielen dann also 5 Passrusher gegen 5 Blocker. Außerdem kann man so verstecken, von welcher Seite der Druck kommt und auf welcher Seite der Spieler doch Coverage spielt. Unterstützt wird das vom Zone-Blitz-Scheme. Dabei werden aus einer Zone-Defense, wo die Verteidiger bestimmte Bereiche des Feldes verteidigen, einzelne Spieler als zusätzliche Passrusher gebracht. Dafür werden die Zonen für die anderen Spieler größer und schwerer zu verteidigen, der Gegner kann nun aber gar nicht mehr einschätzen, welcher Spieler auf QB-Jagd gehen wird. So kommen oft Spieler ungeblockt durch und können den QB sacken oder zumindest beim Wurf stören. Das mit den Sacks hat bei den Steelers ja schon letztes Jahr gut funktioniert, als man die meisten der Liga hatte. Auch dieses Jahr bringt man es bereits auf 34 in zehn Spielen. Die Taktik macht es aber auch einfach für den Gegner, schnelle Pässe an den Mann zu bringen, wenn der Spieler in die durch den Blitz freie Zone läuft. Und wenn der Druck mal keinen Effekt hat, ist auch für tiefe Pässe Platz, schließlich sind weniger Verteidiger da und Butler bringt sehr gerne DB's als Blitzer. Die Verteidiger müssen also schnell und diszipliniert spielen und vor allem sehr sicher tacklen, sonst funktioniert die Taktik nicht, was in den letzten Jahren oft der Fall war. Auch ein hervorragendes Spielverständnis ist unerlässlich, genauso wie ein Spieler, der das ganze organisiert. Dieser fehlte seitdem Ryan Shazier sich so schwer verletzte. Ansonsten hatte diese Defense eigentlich fast alles. Einen herausragenden Passrush, einen guten #1 Corner mit Joe Haden, einen talentierten SS mit Terrell Edmunds, einen noch talentierteren, schnellen und vielseitigen MLB mit Rookie Devin Bush und einen guten Slot-Corner mit Mike Hilton, der als guter Blitzer Butler sehr gefällt. Ein Puzzle, dem nur ein Teil fehlte, aber eben das Entscheidende.

Die Lösung

Hier kommt Minkah Fitzpatrick ins Spiel. Fangen wir mit den nackten Zahlen an. In den beiden Spielen ohne Fitzpatrick kassierten die Steelers im Schnitt 30,5 Punkte, 445 Yards und hatten nur zwei Takeaways. In den jetzt acht Spielen mit ihm kassierte man im Schnitt nur 300 Yards und 17,6 Punkte. Dazu kommen fast drei Takeaways pro Spiel und insgesamt drei Touchdowns der Defense; zwei von Fitzpatrick höchstselbst. In Sachen Punkte steht man über die ganze Spielzeit auf Platz 10, bei Total Yards auf 11, gegen den Pass gar auf 9 und gegen den Lauf immerhin auf 16. Die Gegner waren dabei auch oft alles andere als Laufkundschaft: 49ers, Ravens, Rams, Chargers und Colts. Von diesen acht Spielen gewann man zudem fünf, zuletzt vier am Stück. Und das bei einer der schwächsten Offenses der Liga mit einem jungen Quarterback, der nicht die Lösung zu sein scheint und die zudem auch noch starke Verletzungssorgen plagen. Fitzpatrick selbst kommt als Steeler auf fünf Picks, 36 Tackles (25 Solo) und eine Fumble Recovery sowie, wie bereits erwähnt, zwei Scores.
Diese Zahlen sind ziemlich beeindruckend, aber wie kommen sie zustande? Fitzpatrick erfüllt genau die Kriterien, die wir eben genannt haben. Mit 4,46 Sekunden besitzt er für einen Safety ein gutes Tempo, verpasst kaum einen Tackle und ist extrem diszipliniert. Als Spieler bei Alabama haben ihn seine Kollegen "Coach Sabans Son" genannt. Nick Saban, der HC von Alabama, ist ein Perfektionist, der nichts außer Football im Kopf hat. Fitzpatrick scheint genauso zu sein, er schaut extrem viel Tape und hatte nach einem kleinen Fehler in einem längst entschiedenen Spiel auch schonmal einen Wutanfall erster Güte - gegen sich selbst, weil er so perfektionistisch ist. Außerdem ist er vielseitig einsetzbar, kann im Slot, außen, an der Line und vor allem tief spielen. In einem Zone-Blitz-Scheme ist das natürlich perfekt. Das machte ihn schon bei Alabama besonders und zum elften Pick des Drafts 2018. Seine beste Position ist aber FS, er hat das Spiel gerne vor sich und kann schnell darauf reagieren, wo der Ball hingeht, um den Pass zu unterbinden oder den Ballträger zu tacklen. Die Dolphins sahen das wohl anders, nur bei 22,4% der Snaps spielte er dort tief. Bei den Steelers tut er das bei 86,3% der Snaps, also fast viermal so oft. Und er hat auf dieser Position die Steelers auf ein neues Level gehoben: vor seiner Ankunft wurden 57,1% der tiefen Pässe angebracht für 22,1 Yards pro Versuch, 3 TD's, keinen Pick und ein Passer-Rating von 141,4. Seit seiner Ankunft sind es 22,2%, sechs Yards pro Versuch, kein TD und vier Picks (vor dem Spiel gegen die Browns). Zwar ist er erst seit etwa neun Wochen in der Steel-City, aber bereits jetzt ist er ein Anführer. Auch das hat er bei Alabama gelernt und gezeigt, dass er laut sein und andere mitreißen kann auf dem Feld.

Gelöstes Rätsel, entfesselte Defense

Fassen wir also zusammen: statistisch hatte Fitzpatrick einen gigantischen Einfluss auf die Defense. Er selbst darf endlich auf seiner Lieblingsposition spielen. Mit seinem Tempo, sicherem Tackling und herausragendem Spielverständnis ist er exakt der Spieler, den die Steelers brauchen. Bereits jetzt ist er ein Anführer der Defense und als "letzte Verteidigungslinie" schafft er es fast immer, Fehler seiner Vorderleute zu korrigieren. Dazu ist er immer noch sehr jung, erst in seiner zweiten Saison, kann sich also noch steigern und kostet vergleichsweise wenig. Er ist ein Ballmagnet und extrem gefährlich, wenn er das Ei in der Hand hat.
Wir kommen ganz klar zu dem Ergebnis: Minkah Fitzpatrick ist das fehlende Puzzlestück, das die Steelers für eine richtig gute Defense gebraucht haben. Er verleiht ihnen eine Identität außerhalb eines starken Passrushes. Passrush und Coverage können jetzt endlich voneinander profitieren, denn wenn viel Druck herrscht, muss man nicht so lange covern und kann ungenaue Bälle intercepten und wenn die Coverage länger hält, hat man vorne mehr Zeit, den QB zu Boden zu bringen. Der Preis für diese Defense insgesamt war zwar denkbar hoch und auch Fitzpatrick war teuer, aber wenn das das Ergebnis ist, dann war es ein guter Preis. Bei dem Effekt, den Fitzpatrick hatte, war er eigentlich sogar noch günstig.
Ob eine gute Defense bei der schwachen Offense reicht, um genug Spiele für eine Playoff-Teilnahme zu gewinnen und ob die herausragenden Leistungen der letzten Wochen wiederholt werden können, lässt sich schwer sagen, aber dank Fitzpatrick besteht für beides eine sehr realistische Chance.

Nur eins, eins das bleibt für die Zukunft: Die Ungewissenheit wer übernimmt, wenn Ben Roethlisberger seine Karriere an der Nagel hängt oder nicht mehr gut genug nach Verletzung wiederkommt. Möglich, dass dan auf dieser Position ein noch entscheidenderes Puzzleteil fehlt. Die Zukunft wird es zeigen.